Redewendung etwas türken (2. Erklärung)

Woher stammt "etwas türken (2. Erklärung)" ?

Bedeutung/Anwendungsgebiet:
... ist "getürkt", schummeln, manipulieren

Herkunft/Ursprung:

Meist werden im Zusammenhang mit dieser Redewendung die Geschichte von der Eröffnung des Kaiser-Wilhelm-Kanals im Jahre 1895 ("improvisierte Nationalhymne") oder das Ereignis der öffentlichen Präsentation des ersten Schachautomaten 1769 in Wien ("Mechanik vorgaukelnder Türke") als Ursprung bzw. Herkunft angegeben. Weniger bekannt und dementsprechend seltener anzutreffen ist als entstehungsgeschichtliche Variante die Überlieferung vom Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV, dessen Kommandeure bei Truppenbesichtigungen von ihren Verbänden gerne zuvor sorgsam einstudierte Gefechtsübungen vorführen ließen, die jedoch bereits im Exerzierreglement von 1906 ausdrücklich untersagt wurden (Offiziere sprachen von im Rahmen von Freilichtspielen hierbei auch von sog. "Türkenmanövern", oder auch abgekürzt: vom "Türken"). Theorien besagen nun, dass mit der Zeit sich das Substantiv zu einem Verb gewandelt habe. Selbst wenn man den zeitlichen Wandel (Stichwort: "Konvergenz") vom "Türkenmanöver" über "Türken" hin zum "etwas türken" als nicht so sehr weit hergeholt und somit plausibel betrachten möchte: Dagegen spricht, dass das Verb "türken" laut Etymologie-Duden eine Schöpfung des 20. Jahrhunderts, und nicht eine des 19. Jahrhunderts darstellt. Eine weithin der history-meets-entertainment-verblödeten breiten Masse der Bevölkerung (Guido Knopp und seinem vorgekauten, auf Bestell-DVDs gepressten Einheitsbrei à la TIME-LIFE sei dank!) fast völlig unbekannte (weil wohl auch: verdrängte) Tatsache ist: Am 23. August 1914 waren die deutschen Kreuzer "Goeben" und "Breslau" von dem österreichischen Adriahafen Pola (Pula) aus in See gestochen und schließlich am 10. September bis zu den Dardanellen vorgedrungen. Unter türkischer Flagge, aber weiterhin mit einer deutschen Besatzung, kontrollierten die beiden Kriegsschiffe die Durchfahrt durch die Meerengen – die am 26. September auch für Handelsschiffe gesperrt wurden – und beschossen am 28. Oktober russische Schwarzmeerhäfen. Russland, Frankreich und Großbritannien erklärten daraufhin dem Osmanischen Reich den Krieg (2. - 5. November). "Etwas türken" ist somit ein Vorgang, welches nicht dem zum sprichwörtlichen Gegenstand gemachten Volke zum Nachteil gereicht, sondern ganz im Gegenteil: Mit dem "türken" eines Kriegsschiffes erzwang die Deutsche Kriegsmarine den den Achsenmächten Deutsches Reich und Österreich-Ungarn zwar wohlgesonnene, jedoch in seinem Beitrittswillen zum Krieg zögernde, weil zu diesem Zeitpunkt weder kriegseuphorische, noch kriegsvorbereitete Osmanische Reich unter Mehmet V.


Verfasser: Osi

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